Der Autor

Otto Lehmann-Brockhaus wurde am 2. März 1909 in Unna (Westfalen) geboren und studierte von 1928 bis 1934 Kunstgeschichte, Philosophie und Geschichte an den Universitäten von Marburg, Innsbruck, Rostock und Göttingen. 1934 promovierte er in Göttingen bei Georg Graf Vitzthum von Eckstädt mit einer Arbeit zur „Kunst des 10. Jahrhunderts im Lichte der Schriftquellen“. Als Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft setzte er das Quellenstudium fort und publizierte 1938 in zwei Bänden die „Schriftquellen zur Kunstgeschichte des 11. und 12. Jahrhunderts für Deutschland, Lothringen und Italien“.

Die Jahre von 1938 bis 1945 verbrachte Otto Lehmann-Brockhaus an der Bibliotheca Hertziana, zunächst als Stipendiat und später als Assistent des Direktors. Während dieser von Krieg und Faschismus überschatteten Zeit entdeckte er für sich das damals weder touristisch, noch wissenschaftlich erschlossene Gebiet der Abruzzen und des Molise. Seine ausgedehnten Erkundungen in der Bergwelt der Abruzzen hatten Pioniercharakter und ermöglichten ihm auch, Distanz zum politischen Geschehen in Rom zu halten. Viele Strecken konnten damals nur zu Fuß zurückgelegt werden, und so manches überwucherte Bauwerk war nur für denjenigen auffindbar, der bereit war, sich auch durch tiefes Gestrüpp zu schlagen.

Diese auch physisch vollzogene Aneignung einer ganzen Kunstlandschaft und überhaupt die entschiedene Ausrichtung auf die Entdeckung und Erfassung materiell überlieferter Zeugnisse der Vergangenheit steht in bemerkenswertem Kontrast zum Quellenstudium, dem sich Lehmann-Brockhaus zuvor verschrieben hatte. Tatsächlich tauschte Lehmann-Brockhaus aber nicht das eine gegen das andere aus, vielmehr gehörte er zu den wenigen Kunsthistorikern des 20. Jahrhunderts, die beide Pole der kunsthistorischen Arbeit so intensiv betrieben und zu verbinden wußten.

Das zeigt sich bereits bei seinem langen Aufsatz zu den „Kanzeln der Abruzzen im 12. und 13. Jahrhundert“, der im Römischen Jahrbuch für Kunstgeschichte 1942/44 publiziert wurde. Lehmann-Brockhaus dokumentierte und analysierte hier das in den Feldstudien gesichtete Material, achtete aber stets auf die quellenmäßige Fundierung, wo immer sie möglich war. Schon am Titel dieses Aufsatzes ist etwas vom methodischen Habitus dieses Gelehrten abzulesen. Während die Mehrzahl der Kunsthistoriker damals dem Primat von Stilfragen verpflichtet war, vermied Lehmann-Brockhaus die Unsitte, Epochen- und Stilbegriffe in eins zu setzen und diese wiederum zum Ausdruck chronologischer Verhältnisse zu verwenden. Er hielt sich statt dessen an die wissenschaftlich neutralere Angabe von Jahrhunderten und gliederte die Perioden im übrigen wie ein Historiker nach Herrscherhäusern. Mit der Untersuchung zu den liturgisch gebundenen Kanzeln folgte Lehmann-Brockhaus einem Ansatz, auf den der von Jacob Burckhardt geprägte Begriff einer „Kunstgeschichte nach Aufgaben“ paßt. So wurde der Kanzel-Aufsatz von 1942/44 über die Abruzzen hinaus zu einem Paradigma für die historisch-funktionale Behandlung italienischer Kanzeln und anderer Ausstattungsstücke.

1948 übernahm Lehmann-Brockhaus den Aufbau der Bibliothek des von ihm mitbegründeten Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, In dieser Zeit widmete er sich auch der Edition von „Lateinischen Schriftquellen zur Kunst in England, Wales und Schottland vom Jahre 901 bis zum Jahre 1307“ (5 Bände, 1955–1960). 1961 wurde er zum Honorarprofessor der Münchner Universität und kurz darauf zum Wissenschaftlichen Mitglied der Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut) in Rom ernannt. Ab 1962 leitete er die Bibliothek der Hertziana, 1967 erfolgte zusätzlich die Ernennung zum Direktor am Institut. Nun setzte die zweite Phase intensiver Feldstudien in den Abruzzen ein, wiederum flankiert vom Quellen- und Literatur-Studium in Archiven und Bibliotheken. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1977 konnte Lehmann-Brockhaus diese jahrzehntelangen Studien, die nicht wenige der römischen Kollegen buchstäblich für abwegig hielten, abschließen und in die Form einer großen Monographie zu den Abruzzen und zum Molise bringen. 1983 erschien der auch mit Tafeln und Registern vorzüglich ausgestattete Band im Lexikonformat im Prestel-Verlag, München.

Bedeutsam war auch seine Leistung als Leiter der Bibliotheken des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München (1948–1961) und der Bibliotheca Hertziana (1962–1977). Nach der sehr erfolgreichen Bibliotheksgründung in München war es zweifellos eine glückliche Personalentscheidung, daß ihn die Hertziana als Bibliotheksleiter und Gelehrten gewinnen konnte. Zu seinen wichtigsten Projekten in Rom zählte die Neuordnung des Signaturensystems, das sich bis heute sehr bewährt hat.

Otto Lehmann-Brockhaus starb 1999 in Rom. Sein Grab befindet sich auf dem Cimitero Acattolico in Rom, bei der Cestius-Pyramide.

Toni Fiedler (1899-1977), Porträt von Otto Lehmann-Brockhaus, Bronze, 1974

1940er Jahre (?)

1944, bei der Einlagerung der Bücher der Hertziana in den Wolfdietrich-Schacht in Hallein (mit Ludwig Schudt und Ehefrau Elisabeth)

1977, bei Schiavi di Abruzzo

1989, in Bominaco, Landpartie mit den Mitarbeitern der Bibliothek