Das Buch

Otto Lehmann-Brockhaus: Abruzzen und Molise. Kunst und Geschichte (= Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana, 23). München (Prestel) 1983, 756 S.

Über fast fünf Jahrzehnte erstreckten sich die Forschungen zu den Abruzzen und zum Molise, die Otto Lehmann-Brockhaus schließlich 1983 im Prestel-Verlag, München, in einem monumentalen Band publizierte. Monumental verdient das Buch nicht nur wegen seines äußeren Umfangs genannt zu werden, sondern auch wegen der langen Forschungs- und Lebenszeit, die in die Erarbeitung dieses Werkes einflossen. Selten geschieht es, daß eine ganze Kunstlandschaft in dieser Dichte und Qualität durch einen einzelnen Forscher dargestellt wird. Gemessen an heutigen Arbeits- und Publikationsformen macht ein solches Buch auch die Veränderung von Maßstäben bewußt.

Obwohl Otto Lehmann-Brockhaus die geographischen Dimensionen der Abruzzen und des Molise als Forscher und Wanderer durchmessen hatte, präsentierte er dem Leser die Ergebnisse nicht etwa in topographisch gegliederten Kapiteln. Heute ist bei solchen Darstellungen die bequeme Zerlegung in einzelne Ortschaften und Monumente üblich, bei der man notfalls auch ohne viel Sinn für übergreifende Zusammenhänge auskommt. Lehmann-Brockhaus bewies aber auch hier langen Atem und unterzog seine Einsichten einer mehrfachen Destillation. Angetrieben von einem bemerkenswerten Impetus zur historisch-analytischen Durchdringung entwickelte er für sein Buch eine ebenso komplexe wie filigrane Gliederung. Sein Ziel war weder ein Reisehandbuch noch ein Monumentenkatalog, vielmehr sah er seine Aufgabe als Kunsthistoriker darin, das Material nach synchronen und diachronen Kriterien zu ordnen, so daß sich eine Struktur- und Entwicklungsgeschichte der Kunstgattungen schreiben ließ. Nicht die Topographie, sondern die allgemeine historische Entwicklung dieser Region, die er extensiv einblendete, lieferte hierfür die Matrix. Eingebettet in die jeweils nach Gattungen neu ansetzenden Darstellungen finden sich auch Kapitel zu den großen Adelsfamilien, zu Bildung, Handel, Verkehr und Bevölkerung. Während damals so mancher Fachkollege den Anteil der historischen Abschnitte für zu groß hielt, erwies sich gerade diese Fundierung und Verzahnung als zukunftsweisend. Besser als es mit einem Itinerar oder einer klassischen Stilgeschichte möglich gewesen wäre, liefert diese Struktur auch Grundlagen für eine Kulturgeschichte der Region.

Freilich trat infolge dieser Darstellungsform die topographische Dimension soweit in den Hintergrund, daß der Leser auf erhebliche Schwierigkeiten stößt, wenn er etwa zur Vorbereitung einer Reise kompakte Informationen zu einer Ortschaft sucht. In solch einem Fall bietet nur das (sehr ausführliche) Register einen Einstieg. Von hier aus wird auf all die Seiten in den unterschiedlichen Kapiteln verwiesen, in denen ein Ort oder ein Monument jeweils hinsichtlich einer Gattung betrachtet wird. Sucht man etwa die Gesamtheit einer Kirche mit Ausstattung, muß man die Informationen aus diesen Kapiteln zusammenführen. Gesichtspunkte der Handhabung treten hier offensichtlich zurück hinter dem wissenschaftlichen Ideal einer bestimmten Analyse- und Darstellungsform.

Leider hat sich Otto Lehmann-Brockhaus im Vorwort seines Buches nicht zu diesen Struktur-Entscheidungen geäußert. Vielleicht ist es nicht abwegig, in diesem Zusammenhang auch daran zu erinnern, daß sich Lehmann-Brockhaus auch als Leiter von Bibliotheken mit fachsystematischen und allgemeinenen epistemologischen Aspekten der Wissensordnung auseinandersetzen mußte (Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, 1948-1962; Bibliotheca Hertziana in Rom, 1962-1977). Jeder Kunstbibliothekar kennt die Schwierigkeit, die voneinander unabhängigen Gesichtspunkte von Gattung, Epoche und Topographie zu koordinieren beziehungsweise entsprechende Prioritäten festzulegen. So herrscht etwa in der berühmten wie auch berüchtigten Buch-Ordnung des Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859–1952) in der Abteilung Kunstgeschichte das Primat der Gattungen vor allen anderen Gesichtspunkten. Zumindest ein hohes Maß an Bewußtsein für solche Festlegungen ist also bei einem Forscher anzunehmen, der auch Bibliotheken leitete. Ausschlaggebend aber dürfte für Lehmann-Brockhaus wohl eher ein von der Kunstpraxis ausgehendes Denken gewesen sein. Gerade im Mittelalter, auf das sich Lehmann-Brockhaus in all seinen Forschungen konzentrierte, entwickelten sich künstlerische Fähigkeiten und Techniken in Bahnen, die vor allem durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Gewerken und Werkstätten gewiesen wurden. Hypostasierte Fragen nach der stilistischen Einheit von Epochen (Stilgeschichte) oder gar nach einer geistigen Einheit aller Kulturobjektivationen einer Epoche (Ikonologie) lagen Lehmann-Brockhaus fern. Er sah die kunsthistorische Entwicklung in ihrer Gesamtheit jeweils als Folge ihres konkreten Verlaufs in den Gattungen.