Das Projekt des "living book"

Nach dem Erdbeben in den Abruzzen vom 6. April 2009 war klar, daß das Standardwerk von Lehmann-Brockhaus in der aktuellen Situation noch an Gewicht gewinnen und häufig konsultiert werden wird. Nachdem so viele bedeutende Monumente in den Abruzzen schwere Schäden erlitten oder vollständig zerstört wurden, müssen sich Politiker, Stiftungen, Hilfsorganisationen, Kunsthistoriker, Architekten, Ingenieure und Restauratoren in die Kunst- und Kulturgeschichte der Abruzzen vertiefen, um Grundlagen der Sicherung und Rekonstruktion zu erarbeiten und um Prioritäten bei diesen Maßnahmen festzulegen. Darüber hinaus wächst auch in einer breiteren Öffentlichkeit der Wunsch nach Informationen zu dieser Region, die bald nach dem Erdbeben nochmals durch das G8-Treffen in L’Aquila ins Licht der internationalen Aufmerksamkeit rückte.

Aus diesem Grund wurde in der Bibliotheca Hertziana sofort nach dem Erdbeben mit der Digitalisierung des Standardwerkes von Lehmann-Brockhaus begonnen, das im Buchhandel seit langem vergriffen ist und auch antiquarisch nur selten und nur zu hohen Preisen erhältlich ist. Grundlage dafür war die Genehmigung, die die Witwe von Otto Lehmann-Brockhaus, Dr. Ursula Lehmann-Brockhaus, schon 2007 zur elektronischen Publikation aller Schriften ihres Mannes durch die Bibliotheca Hertziana gegeben hatte. Die anfängliche Idee eines digitalen Faksimile wurde bald verworfen zugunsten einer elektronischen Neuausgabe, die es ermöglicht, den 1983 publizierten Text im Web 2.0 mit weiteren Bildern auszustatten, mit aktuellen Bibliographien zu versehen und mit neuesten Informationen zu den Monumenten in den Abruzzen zu verbinden. In Anlehnung an den Begriff der „living review“ wurde hierfür der Begriff „living book“ geprägt.

Das Inhaltsverzeichnis und das Ortsregister des Buches stehen als aufklappbare Bäume rechts und links neben dem Volltexte bereit und führen per Link zu den jeweiligen Seiten. Die Ortsnamen sind sodann auch innerhalb des Textes als dynamische Elemente markiert: Über den Ortsnamen öffnet sich ein Mouseover-Menü, das nicht nur weitere Seiten des Buches und die zugehörigen Tafelabbildungen anbietet, sondern auch zu externen Ressourcen führt. Die aktuelle Bibliographie zum jeweiligen Ort wird über eine Suchverbindung im OPAC angeboten. Dynamische Links führen des weiteren zur Fotothek der Hertziana, zum Bildindex Foto Marburg, zu Flickr und zu den Google-Bildern. Insbesondere über die letztgenannten Bilder-Portale sind auch schon Fotos zugänglich, die die Zerstörungen dokumentieren. Angeboten wird des weiteren die Verbindung zu den entsprechenden Artikeln in der italienischen Wikipedia, die allgemeine Informationen zum Ort enthalten und zunehmend auch auf die Zerstörungen eingehen. Diese Artikel wurden entweder schon vorgefunden oder andernfalls angelegt.

Mit dieser starken und dynamischen Ausprägung des topographischen Index wird zugleich ein Nachteil des Buches von Lehmann-Brockhaus ausgeglichen. Infolge der Gliederung nach Kunstgattungen war in diesem monumentalen Buch die topographische Dimension in den Hintergrund gerückt. Wer schnelle zusammenfassende Informationen zu einzelnen Ortschaften und Monumenten sucht, findet bei Lehmann-Brockhaus den Einstieg nur über das (sehr ausführliche) Register und wird dort an diverse Seiten verwiesen, häufig über mehrere Kapitel verstreut. Das entsprechende Blättern läßt sich mit der Klick-Technik leichter als im Buch bewältigen. Im aktuellen Kontext werden die Informationen eben gerade unter topographischem Gesichtspunkt benötigt. Eine weitere Form des topographischen Einstiegs wird mit Google-Karten der vier abruzzesischen Provinzen angeboten. In diesen Karten markieren Fähnchen alle Ortschaften aus dem Lehmann-Brockhaus-Index und führen von der Karte ebenfalls zum dynamischen Orts-Menü, also zu den Textseiten und Tafeln des Buches und zu den externen Ressourcen.

Das System ist selbstverständlich noch weiter ausbaubar. Und auch diese Möglichkeit, künftige Bedürfnisse aufzugreifen, weitere Ressourcen zu verknüpfen und neue technologische Entwicklungen zu nutzen, ist mit dem Begriff des „living book“ ausgedrückt. Zumindest als schlichtes PDF-Dokument wird auf der Projektseite auch der genannte Aufsatz zu den Kanzeln der Abruzzen aus dem Jahre 1942/44 zur Verfügung gestellt.

Im Zuge der Erarbeitung des „living book“ kam es in der Bibliotheca Hertziana im September 2009 auch zu einem Treffen der wichtigsten kunsthistorischen Experten, die aktuell zu den Abruzzen arbeiten. Es war das erste Treffen dieser Art, und schnell wurde deutlich, wie wichtig den Kolleginnen und Kollegen gerade nach dem Erdbeben die wechselseitige Vernetzung, die Bereitstellung der fachlichen Ressourcen und der transparente Fluß der Informationen sind.

Aus dem Treffen mit den italienischen Kollegen ging eine gemeinsame Berichterstattung hervor, die voraussichtlich im Januar 2010 in der Zeitschrift „Kunstchronik“ erscheinen wird: Eine Folge von kurzen Beiträgen berichtet über die ersten Maßnahmen zur Sicherung und Instandsetzung von Monumenten, über digitale Projekte und über den Zustand ausgewählter Monumente. Beteiligte Autoren sind: Francesco Aceto, Maria Andaloro, Simonetta Ciranna, Daniela del Pesco, Araldo De Luca, Valentino Pace, Stefania Paone, Cristiana Pasqualetti, Arianna Petraccia, Lorenzo Bartolini Salimbeni, Paola Tarantelli und Andreas Thielemann.

Hingewiesen sei auf das Projekt einer Datenbank zu den vom Erdbeben betroffenen Monumenten, das gegenwärtig von der Università della Tuscia di Viterbo (Facoltà di Conservazione dei Beni Culturali) unter Leitung von prof.ssa Maria Andaloro und dem Fotografen Araldo De Luca entwickelt wird. Wir hoffen, daß später eine Öffnung dieser Datenbank im Internet und eine wechselseitige Vernetzung mit dem „living book“ möglich sein wird.

Hinweise auf Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten erbeten: Der digitalisierte Text wurde bereits per Hand korrigiert, ebenso wurden die automatisch durchgeführten Auszeichnungen der Ortsnamen im Text kontrolliert. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, daß Fehler übersehen wurden. Hinweise werden erbeten an raspe@biblhertz.it.